
Fotowettbewerb Gewinnerbild
Im Jahr 2025 hat die Deutsche Post einen Fotowettbewerb veranstaltet, um den schönsten Sonnenaufgang Deutschlands zu küren. Der erste Platz war mit einem Preisgeld von 2.000€ verbunden – und zusätzlich mit der Ehre, dass das Foto 2026 auf 1,3 Millionen Briefmarken gedruckt wird. Ich selbst nahm am Wettbewerb nicht teil, habe aber aufmerksam die Gewinnerbilder betrachtet. Insbesondere nachdem die Pressemeldung zum Wettbewerb in vielen relevanten Medien übernommen wurde. Das Gewinnerbild machte mich stutzig. Auf den ersten Blick dachte ich „KI“. Um diesen Verdacht auszuräumen habe ich das Bild und den Aufnahmestandort aufwendig analysiert. Darüber möcht ich in diesem Artikel berichten.
Wie lief der Wettbewerb ab?
Eine zehnköpfige, professionelle Jury wählte aus den Einsendungen 10 Motive aus, die dann in ein Online-Voting geschickt wurden, bei dem sich 6.800 Leute beteiligten.
Zu den offiziellen Teilnahmebedingungen des Foto-Wettbewerbs gehörte unter anderem:
- Das Foto des Sonnenaufgangs musste in Deutschland aufgenommen worden sein.
- Digitale Bearbeitungen mussten angegeben werden. Es waren nur begrenzte digitale
- Bearbeitungen erlaubt, die das Wesen des Bildes nicht verändern (z. B. Bereinigung, kleinere Farb- und Sättigungsanpassungen).
- Das Foto durfte nicht von einer KI generiert worden sein.
Auf den ersten Platz wurde aus 1200 Einreichungen das Bild “Koldinger Seen” von Banu Erkan aus Patternsen gewählt. Platz zwei ging an Ann-Kathrin Schiweck aus Münster und Chantal Anders aus Ense belegte Platz drei.

Quellen: https://group.dhl.com/de/presse/pressemitteilungen/2025/strahlender-briefmarken-sieger-das-ist-deutschlands-schoenster-sonnenaufgang.html
Platz zwei und drei wirken wie echte Fotomomente. Platz eins und somit das Gewinnerbild hat mich dagegen stutzig gemacht.
Was stört mich am Gewinnerbild?
Zunächst mal die generelle Grundstimmung – zu glatt und zu perfekt. Eigenschaften, die viele KI generierte oder mit KI editierte Bilder aufweisen. Normalerweise hat man auf der Wasserfläche immer kleinere Verunreinigungen. Der Baum auf der rechten Seite ist sehr auffällig – ich nahm an, dass wenn es diesen Baum an der Stelle geben sollte, auch andere davon Fotos gemacht haben, weil er ein schönes Motiv darstellt. Andere Aufnahmen dieses Baumes konnte ich nicht finden, trotz intensiver Recherche, z.B. auch von Wanderern aufgenommenen Fotos. Die Spiegelung des Baumes ist etwas seltsam, die Abstände zwischen den Stämmen scheinen nicht den Abständen des Baums am Ufer zu entsprechen. Ggf. könnte der Wellengang verantwortlich sein, wobei die horizontalen Wellen die Abstände nicht stark beeinflussen sollten. Die Wellen im Bereich der Reflektion der Baumkrone wirken von der Struktur her etwas unrealistisch. Häufig lässt sich bei Wellen zu Sonnenaufgang eine vertikale Ausdehnung der Sonnenreflektion feststellen, diese fehlt – was theoretisch auch an sehr flachen Wellen liegen könnte. In den meisten Fällen schwimmen auf Wasseroberflächen von Seen kleine Blätter, Entenfedern, Holzstücke oder Staub. Hier ist die Oberfläche völlig homogen.
Abgleich mit Satellitenfotos
Der nächste Schritt für mich war, das potentielle Motiv anhand von Luftbildern zu verifizieren. Dafür habe ich mich intensiv mit dem Koldinger See, aber auch angrenzenden Gewässern beschäftigt, konnte aber keine Anordnung von Baum / Uferlinie mit Blick nach Osten finden, die dem Foto entspricht. Die Analyse von Luftbildern gehört zu meinen Grundtechniken, um Fotos ohne Ortsnennung zu dechiffrieren. Als studierter Geograph eine kleine Leidenschaft und ich kann gut Landschaften von Fotos in Luftbilder aus der Vogelperspektive übersetzen, ich weiß also, auf welche Strukturen zu achten wäre. Einen derart exponierten Baum konnte ich – am Koldinger See – nicht finden.
Mein nächster Schritt war, dass ich die Deutsche Post kontaktiert habe per Mail und meine Vermutungen schilderte. Tatsächlich bekam ich eine Rückantwort mit der Auskunft, dass das Bild mit einem Samsung S24 Ultra fotografiert wurde und sogar der Aufnahmestandort wurde mir mitgeteilt (GPS 52.271, 9.815). Außerdem wurde ergänzt, dass das Bild eingehend von Experten geprüft wurde auf KI und kein Anlass besteht, die Echtheit des Bildes anzuzweifeln.
Das erste was ich zu verifizieren versuchte, war der angebliche Aufnahmestandort des Bildes:
GPS Koordinaten 52.271, 9.815

Diese Koordinaten entsprechen genau der Ortsmarkierung des Koldinger Sees auf Google Maps. Also die Position, wo generell der Ortsname des Sees angezeigt wird. Per Rechtsklick können dort die GPS Koordinaten der Ortsmarkierung abgerufen werden. Bei einem Foto dagegen wird der Standort gespeichert, an dem die Aufnahme gemacht wurde. Es wäre zum einen ein großer Zufall, wenn die Aufnahme genau an derselben Position gemacht worden wäre, zum anderen liegt die Ortsmarkierung auf Google Maps auf einer kleinen, nicht mit dem Ufer verbundenen Insel mit dichter Vegetation. Ein Fotografieren der gegenüberliegenden Uferlinie vom angegebenen Standpunkt ist nicht möglich. Im Umfeld der Insel – Richtung Osten – ist auf den Luftbildern auch kein prägnanter Einzelbaum wie auf dem Wettbewerbsbild zu erkennen, insbesondere in der dort gezeigten Komposition. Es gibt zwar viele Bäume rund um den See und auch weitere kleine Inseln mit Bäumen, aber keine davon entspricht dem Motiv. Ebenso verläuft östlich des angegeben Standorts eine Hochspannungsleitung, die in einem Foto ggf. auftauchen würde.

Bei einem mit einem Samsung S24 Ultra gemachten Foto (ich besitze das gleiche Modell) erfolgt die GPS Verortung am Aufnahmestandpunkt – nicht zufällig genau dort, wo der Namensmarker des Sees auf einer unzugänglichen Insel liegt. Eine Aufnahme der kleinen bewachsenen Insel zeigt wie schwierig es wäre, auf ihr mal eben ein Foto zu machen:

Koldinger See (c) Pawel Jedrzejczyk (16)
Unterstützung durch Pawel Jedrzejczyk
Auf einen Aufruf auf Instagram hin hat mich mein Kollege Pawel Jedrzejczyk kontaktiert (https://www.instagram.com/paweeljee auf Instagram), der selbst nahe des Koldinger Sees wohnt. Er erklärte sich bereit das Ufer des Sees an allen potentiellen Aufnahmestandorten – an denen man ans Wasser kommt – abzufotografieren. Seine Schlussfolgerung ist: “Leider habe ich keine ähnliche Location gefunden wie auf dem Gewinnerbild. Auch ohne Blätter an den Bäumen gibt es dort keinen Ort mit einer vergleichbaren Aussicht.”
Eine mögliche Grundlage für ein KI generiertes Bild?
Auf seinen Aufnahmen findet sich tatsächlich keine dem Gewinnerbild 1:1 entsprechende Komposition. Vielen Dank für deine Untersützung Pawel. Die Blickrichtung eines Fotos käme als Grundlage für ein KI generiertes & optimiertes Bild in Frage. Nur dass der Einzelbaum deutlich weniger frei steht, dafür sind die Silhouetten der Bäume auf der linken Seite ähnlich wie jene im Gewinnerbild. Die hinter dem Baum liegende schmale Wasserfläche (siehe Foto von Pawel) könnte eine KI dazu animiert haben, den Baum auf der Landzunge stärker frei zu stellen. Tatsächlich ist das aber kein Beweis, sondern nur eine These, weil die weiteren Aufnahmestandort so gar nicht in Frage kommen.

(c) Pawel Jedrzejczyk


Vorläufiges Fazit
Trotz intensiver Bemühungen von Pawel und mir konnten wir den möglichen Aufnahmeort des Gewinnerbildes nicht verifizieren. Für mich ist es daher weiter fraglich, ob es sich dabei um ein echtes Foto handelt. Am Koldinger See – wo das Bild auf einer schwer zugänglichen Insel verortet ist – sind die Komposition und im Bild gezeigte Elemente für uns nicht zu finden gewesen. Auf meine Anfrage an die Post, mir das Aufnahmedatum des Bildes zu schicken, bekam ich leider keine Antwort – damit wäre es möglich Sonnenstand & Wetterbedingungen vor Ort am betreffenden Tag zu analysieren und somit weiter einzugrenzen, ob das Bild tatsächlich als Foto am Koldinger See aufgenommen wurde.
Meine Vermutung, dass es sich um ein KI generiertes Bild handelt, das basierend auf einem Handyfoto vom Koldinger See generiert wurde, konnte leider trotz intensiver Recherche nicht ausgeräumt werden. Zu viele Fragen hinsichtlich des Gewinnerbildes bleiben für mich offen. Theoretisch könnte das Bild an einem der Teiche rund um den Koldinger See aufgenommen sein, dann wäre aber die GPS Verortung am Koldinger See unnötig und weiter fragwürdig. Eine unwahrscheinliche Erklärungsoption wäre die Aufnahme an einem anderen Ort außerhalb Deutschlands (weil innerhalb Deutschlands hätte es ja trotzdem eingereicht werden können). Eine Aufnahme zum Sonnenuntergang schließe ich aufgrund des Nebels über der Wasseroberfläche aus.
Was bleibt, ist der Verdacht, dass bei diesem Fotowettbewerb für den schönsten Sonnenaufgang Deutschlands, von dem KI Bilder bewusst ausgeschlossen wurden, möglicherweise ein KI Bild gewonnen hat. Nicht, dass ich mir das wünschen würde – wäre das Bild eindeutig als Foto zu verfizieren, würde ich direkt meine Glückwünsche zur tollen Aufnahme aussprechen und das vorläufige Fazit aktualisieren. Die offenen Fragen sollten vom Wettbewerbsveranstalter geklärt werden. Aus Fairness den anderen Teilnehmenden gegenüber. Aber auch hinsichtlich der Preise – 2000€ Preisgeld und dem Druck auf 1 Million Briefmarken. Ich persönlich möchte eigentlich kein KI Bild als echtes Foto von Deutschlands schönstem Sonnenaufgang verkauft bekommen. Und Millionen anderer Fotografinnen und Fotografen vermutlich auch nicht.
Der Ball liegt nun bei der Post… ich bin gespannt wie diese Detektivgeschichte weiter geht.
Rückfragen und Zusatzinfos gerne an info@kilianschoenberger.de
